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Der Tod der Katze

Grundsätzlich bin ich kein Freund von Prokrastination - mit einer Ausnahme: Schrödingers Katze. In Situationen wo die Chance recht groß ist die Katze zu killen wenn man den Deckel hebt, schiebe ich das ganz gerne mal auf. Ich habe jetzt seit einigen Jahren einen echten Intelligenztest vor mir hergeschoben. Einerseits ließen die Ergebnisse aus Selbsttestbüchern und Internettests vermuten, dass es für die Hochbegabung reichen müsste (>130), andererseits weiß man ja nie. Weil mir Mensa aber als so ziemlich letzter Weg erschien mal mit seelenverwandten Menschen in Kontakt zu kommen blieb mir nichts anderes übrig als da den Test zu machen. Jetzt war das ganze recht kurzfristig und noch dazu gab es in der Firma eine ziemliche Katastrophe und zwei 80-Stunden-Wochen ohne Wochenende hintereinander sind jetzt nicht gerade die ideale Testvorbereitung. Beim Test selbst funktionierte die Organisation nicht und ein Flur mit improvisierten Tischen ist auch nicht gerade die ideale Umgebung. Kurz und gut, das Ergebnis (126) hat die Katze recht spektakulär gekillt.

Andererseits bin ich ja ein Fan des MBTI, wo immer die Kritik geäußert wird das die Tests nicht wirklich aussagekräftig seien. Für den von Mensa verwendeten IQ-Test (IBF-S) gilt das aber auch, da dieser im wesentlichen vier Bereiche prüft: deutsche Sprache (welche Begriffe passen zusammen etc.), Zahlenreihen und angewandtes Rechnen, visuelle Vorstellung (finde den passenden Würfel) und eine Memorierungsaufgabe, alles jeweils einzeln mit Zeitlimit. In meinem Fall war das extra blöd, denn seit fast zwanzig Jahren habe ich mir beruflich abgewöhnt mich auf Kopfrechnen und mein Gedächtnis zu verlassen, Fehler beim Addieren von Euros sind da einfach zu teuer, dafür gibt es ja schließlich Taschenrechner und Listen.

Soweit ich das weiß, sollte ein IQ-Test so konstruiert sein, dass der Übungseffekt möglichst klein ist. Memorierung und Kopfrechnen sind aber durch Übung deutlich zu verbessern, man schaue sich einfach mal professionelle Dartspieler an, die sicherlich nicht unbedingt zu den IQ-Bestien gehören, dafür aber ihre Punkte und die möglichen Finishs im Kopf rechnen (müssen). Außerdem war mein Zeitmanagement daneben, ich habe zu sehr Geschwindigkeit vor Präzision gesetzt und nachher noch ein, zwei Minuten übrig dafür aber wohl den ein oder anderen Flüchtigkeitsfehler gemacht der in der Restzeit natürlich nicht mehr zu finden war. Ich muss ja bei meinen verschiedensten Projekten immer wieder einschätzen, wo meine Möglichkeiten liegen und meistens stimmt diese Einschätzung ja auch. Der Test ist so konstruiert, dass 100% richtige Antworten einen IQ von 140 ergeben. Jetzt gab es vielleicht zwei der Sprachfragen wo ich auf die die Antwort nicht kam. Wenn ich sagen wir mal 10% schneller Kopfrechnen kann sollten die Rechenaufgaben alle funktionieren, die Würfel sowieso und die Memorierungsaufgabe war nicht so kompliziert, da man die 15 x 4 Matrix auf eine 5 x 3 Matrix reduzieren konnte und dafür gibt es Techniken sich so was in fünf Minuten einzuprägen. Kurz und gut: ein nahezu komplett richtiger Test liegt meiner Meinung nach im Rahmen des Machbaren. Was das dann für einen Wert ergibt und die daraus geschöpfte Aussagekraft sei dahingestellt und ob das den Aufwand wert ist auch, man könnte den Test in einem Jahr wiederholen.

Was mir dabei auch noch aufgefallen ist - der Testleiter war ja Mensa-Mitglied: Zum einen ist die Trierer Sektion nicht gerade sehr aktiv. Zum anderen gab es nach dem Test noch einen Kaffee und sowohl bei dem Gespräch da als auch bei dem Mensa-Stammtisch in Köln wo ich mal war ist mir aufgefallen, dass die Leute da ja getestet sehr intelligent sind, das aber irgendwie nicht alles ist. Geschwätzige Tausendsassas sind da nämlich auch nicht zu finden. Besonders aufgefallen ist mir das als es darum ging, auf dem Flur Tische und Stühle zu improvisieren: Auf die Idee, ein Prospektregal um 90° auf die Seite zu drehen damit es die richtige Höhe bekommt und man seine Beine drunterstellen kann kam sonst keiner. Ich kann ganz nebenbei jetzt auch die Erklärung abliefern, warum statistisch INTPs einen höheren IQ haben als INTJs: der Theorie nach haben erstere ja Introverted Thinking als primäre Funktion, letztere (also ich) Introverted Intuition. Für IQ-Tests ist ersteres besser, da man dafür geradlinig schnell Daten erfassen muss. Introverted Intuition liefert zwar ganz wunderbare Ideen und Einsichten, funktioniert aber Unterbewusst und damit nicht "auf Bestellung", jedenfalls nicht innerhalb von teilweise nur 18 Sekunden pro Aufgabe.

Das Fazit ist auch wieder eine Bestätigung dafür, dass es den "Fluch des Tausendsassa" doch gibt: Man bekommt praktisch alles hin was man will, aber eben nur besser als 90% (oder hier 96%) der Bevölkerung. Um irgendwo Erfolg zu haben und anerkannt zu werden, braucht es aber 98% oder mehr. Es sei denn, es gibt eine Zombie-Invasion und alle Spezialisten stehen hilflos rum, bekommen auf die Fresse und ich baue mir aus Schrott einen Panzer und fahre drüber, da ist es nämlich völlig Wurst ob es am anderen Ende der Welt jemanden gibt, der einen schöneren und besseren baut.

Nachtrag: Ich bin wohl nicht der einzige INTJ, der hier auf die Nase gefallen ist: EvelynDoyle: What I learned from failing mensa

Trackbacks

INTJBlog.de am : Hochbegabung und multiple Intelligenz

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Dieses Thema hat so direkt nicht unbedingt was mit INTJ zu tun, indirekt aber schon. Betrachten wir zuerst einmal die klassische Hochbegabung, die mit IQ-Tests gemessen wird. Wer dort mehr als 130 Punkte erreicht und damit zwei Standardabweichungen vom No

INTJBlog.de am : Sapiosexuell ... oder so ähnlich

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ich schreibe diesen Blog ja auch, weil INTJs mehr oder weniger mit den gleichen Problemen konfrontiert sind, wenn es um die Interaktion mit der Welt geht. Da ich regelmäßig als hardcore-INTJ teste, so mit Werten oberhalb der 80% und ja noch dazu den Fluch

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