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Utopia

Schon sehr, sehr lange hat sich die Menscheit mit Utopien befasst. Ich habe mal ein paar ungelesene Ausgaben der ZEIT sortiert und gelesen, dabei kamen gerade die Ausgaben zu Utopie (über Thomas Morus) und den Kommunismus direkt hintereinander, seltsamer Zufall. Das Problem ist aber auch, dass diese Utopien alle eines gemeinsam haben: Sie funktionieren nicht, so verlockend auch ihre Lösung bestimmter Probleme wirken mag. Nun beschäftigt es mich schon, warum sie nicht funktionieren und ob nicht gerade ich ein System bauen könnte, was eben in der Realität funktioniert, aber da gibt es ein paar Hindernisse. Das Hauptproblem an der Sache ist wahrscheinlich das, das Menschen schon per Definition nicht gleich sind.
Der Genpool ist zwar verglichen mit anderen Spezies recht klein (und vielleicht auch gerade deshalb verantwortlich für den Erfolg der Spezies an sich), aber immer noch groß genug, damit genau das passiert was zum Beispiel in der Chemie passiert, wenn man inhomogene Lösungen stehen lässt: sie differenzieren sich. Schon in den Urmensch-Sippen gab es Individuen, die größer, stärker und/oder aggressiver waren und deshalb eine beherrschende Position eingenommen haben, sie bekamen das beste und größte Steak vom Mammut. Ein interessanter Gegenstand der Forschung ist das Verhalten von bestimmten Populationen in Bezug auf Altruismus - die meisten Kulturen profitierten recht stark von der Zusammenarbeit. Ein Jäger allein konnte kein Mammut erlegen, eine Gruppe aber schon und das wirkt sich bis heute aus wenn es in Psychotests um Kooperation geht. Ein Bauer ist da im Gegensatz recht autark. Wenn man daraus einen natürlichen Grundsatz ableiten kann: die Spitze der Gruppe entfernt sich von der Basis, aber nur soweit wie das von dieser Basis akzeptiert wird damit die Kooperation weiterhin funktioniert. Es wäre interessant zu wissen, wie weit dieser Abstand im Laufe der Zeit geschwankt hat, bei den Urmenschsippen war er aus allgemeinem Mangel an Resourcen nicht sonderlich groß, mit Beginn der Sesshaftigkeit und Ackerbau und Viehzucht wurde er schnell größer, schon damalige Häuptlinge lebten ganz gut auf Kosten des Stammes. Im Feudalismus dürfte ein Maximum eingetreten sein, was durch die Aufklärung wieder kleiner wurde, vor allem weil das allgemeine Wohlstandsniveau zumindest lokal gleichförmig hoch ist. Jeder Versuch, jetzt alle Menschen gleich zu behandeln, führt zu einer instabilen Situation, da sich das System schnell wieder differenzieren würde weil eben die proaktiven, fähigeren Menschen einfach erfolgreicher wären.

Im Prinzip hat Marx schon recht wenn er feststellt, dass irgendwann genügend produziert wird, um alle Grundbedürfnisse für alle Menschen zu befriedigen. Das alleine reicht aber nicht um ein Utopia zu konstruieren bei dem alle Menschen glücklich und zufrieden miteinander leben. Das Problem ist die Nachfrage: Es wird immer irgendwo Knappheit geben, und wie bei einem Kondenskeim führt das zu einer Währung, zur Erfindung des Geldes. Also selbst wenn man das Geld abschaffen würde und es alles umsonst gäbe, bleibt dieses Konstrukt wie eine übersättigter Dampf nicht stabil. Ein sehr klares Beispiel sind Sportler: Weil sie etwas besser können als andere, wollen eben mehrere Menschen, dass sie eben für sie antreten und sind bereit, dafür etwas zu geben. Als zum Beispiel in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg das Geld effektiv wertlos war, dann wurden eben Zigaretten die Ersatzwährung. Und wenn jemand in einem Utopia etwas haben will, was eben knapp ist - und da die Resourcen per Definition begrenzt sind, muss irgendetwas knapp sein - findet ein Tauschhandel statt und wir haben dann doch wieder Geld.

Die dritte Facette ist die psychologische: Welches Verhältnis wir zu unserer Umgebung haben, und da sind wir auch beim Privatbesitz. Wer sich einen Gegenstand mühsam erspart hat oder selbst hergestellt hat, misst diesem einfach einen ganz anderen Wert bei als wenn er einfach von der Gesellschaft kostenlos zur Verfügung gestellt wird und damit austauschbar ist. Außerdem schafft erst ein Gefühl von Besitz auch ein Gefühl von Verantwortung. Das war sehr schön zu beobachten bei der Eisenbahn. Früher hatte jede Mannschaft aus Lokomotivführer und Heizer eine Dampflokomotive, auf der sie immer gefahren sind. Auch wenn diese ihnen nicht real gehört hat, so haben sie diese doch gehegt und gepflegt, weil sie ja morgen auch wieder auf der gleichen Maschine zusammen fahren würden. Am Ende der Dampflokzeit gab es keine festen Besatzungen mehr und die Maschinen wechselten auch ständig: Die natürliche Folge war, dass sich niemand verantwortlich fühlte und sich dessen Zustand rasch verschlechterte. Hier geht was kaputt - egal, morgen bin ich eh auf einer anderen Maschine unterwegs. Der Mensch hat eben ein Belohnungszentrum im Gehirn und das lässt sich biologisch einfach nicht abschalten.

Es ließe sich aus diesen drei Faktoren jetzt eine Situation ableiten, bei der ein Utopia tatsächlich funktioniert: Wenn die Umgebung so gesättigt ist, dass sie sich gar nicht mehr ausdifferenzieren kann. Wenn es also einen solchen Überfluss gäbe, dass wirklich jeder alles nur vorstellbare bekäme, dann gäbe es wirklich keine Möglichkeit, sich gegenüber seinem Mitmenschen zu differenzieren. Bekommt mein Nachbar einen Privatjet, dann bestelle ich morgen eben auch einen. Das ist aber - eben utopisch.

Das nächste Szenario ist auch weder stabil noch erstrebenswert: es zu erzwingen. Gewalt erzeugt einfach Gegengewalt und Gewalt ist auch nie homogen verteilt, deshalb differenziert das Utopia schon allein am Gewaltgradienten zwischen der Führung und den Teilnehmern aus. Im real existierenden Sozialismus lebte es sich ja an der Parteispitze nicht schlecht.

Wie ich ja in meinen vorherigen Artikeln dargelegt habe, sorgt ja eben die Resourcenknappheit (wie bei fossilen Brennstoffen, die nicht weiter verfeuert werden dürfen) zu Herausforderungen. Ich gebe noch nicht auf, vielleicht gibt es ja tatsächlich ein System, dass die oben genannten Punkte in Betracht zieht und ein stabiles Utopia erzeugt, aber da fehlt mir noch der entscheidende Durchbruch. Man kennt das ja häufig aus der Fiktion, dass jemand versucht aus dem Gefängnis auszubrechen nur um nachher zu merken, dass sein Ausbruchsversuch von den Widersachern bereits eingeplant war und beobachtet wird. In den extrem psychopatischen Varianten ist das ein Matroschka-Prinzip: man bricht aus der einen falsch erkannten Realität aus nur um eine Zeit später zu erkennen, dass die nächste genauso falsch ist.

Wenn man aus dem ganzen Artikel jetzt eine Schlussfolgerung ableiten will, dann ist das diese, dass der Weg zu einem gerechteren System in einem Abbau der Ungleichheiten liegt.

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