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Genie oder Wahnsinn

Ich hatte ja erwähnt dass ich mir ein (elektronisches) Schlagzeug zugelegt habe. Und ich bin immer noch fleißig am üben. Da kann man auch gut an der Heizung sparen, ich weiß jetzt auch warum die Schlagzeuger in den Livevideos so herumtropfen: Das ist anstrengend. Und nebenbei bin ich auch wirklich froh darüber mir die elektronische Variante gekauft zu haben, damit hält sich die Belästigung der Mitmenschen in Grenzen. Schlagzeug ohne irgendwas dabei hört sich nämlich ziemlich übel an und das noch in einer Nachbarschaftsfriedensgefährdenden Lautstärke (die Englischsprecher sind neidisch darauf dass man im Deutschen so leicht neue Worte durch kombinieren erzeugen kann).

Mit geht es aber im Detail hier drum:

Audioeditor-Analyse von Highway to Hell
Audioeditor-Analyse von Highway to Hell

Ich denke, ich habe die ideale Lernmethode gefunden die jede Menge Spaß macht und langsamen, aber stetigen Fortschritt bringt: Einfach zu vorhandenen Songs die man gerne mag den Schlagzeugpart darüberspielen. Das "gerne mag" ist wichtig, denn man wird den Song hören bis er einem zu den Ohren herauskommt. Das mit dem drüberspielen sorgt für eine automatische Lernkontrolle: Macht man alles richtig, dann hört man den Ursprungsschlagzeuger nicht wenn man etwas lauter ist als dieser. Wenn man was hört dann hat man das entweder ausgelassen oder das Timing stimmt nicht.

Das setzt natürlich voraus, dass man genaue Transkriptionen der Schlagzeugparts hat. Leider ist zumindest das deutsche Urheberrecht so bekloppt, dass ich die Transkriptionen die ich mir mit Capella gesetzt habe nicht veröffentlichen darf (wahrscheinlich aussichtslos eine offizielle Genehmigung für lau zu bekommen) und die Seite von der ich einige habe (www.thedrumninja.com) hat wie üblich nichts davon gehalten dass ich ihnen gratis meine im gleichen Stil, aber leicht fehlerkorrigierten Versionen geben wollte. Oder wäre das auch ein Urheberrechtsverstoß gewesen wenn die Veröffentlichung nur eines Teils der Notation in den USA legal ist?

Jedenfalls habe ich nach dem "New Drummers start here" - Grundkurs von Drumeo in dieser Reihenfolge gelernt:

  1. A-HA: Crying in the Rain
  2. Survivor: Eye of the Tiger
  3. AC/DC: Highway to Hell
  4. Queen: Don't stop me now
  5. KISS: I was made for lovin' you
  6. Lynryd Skynryd: Sweet Home Alabama
  7. Bryan Adams: Summer of '69
  8. Opus: Live is life
  9. Bon Jovi: It's my life

Bei manchen Songs musste ich mit dem Tempo zuerst runtergehen und/oder mir einen Einzähltakt davorsetzen aber das kann ein x-beliebiger Audioeditor schon seit Ewigkeiten (ich verwende passend zu Capella 2000 als Editor Cool Edit 2000, uralt, aber läuft noch ...). Meistens auf 90% bei Queen sogar nur auf 80%. Der Song ist scheiße schnell. Und durch diese Songs lernt man auf natürlichem Weg die verschiedenen Technikelemente. Wenn man Sweet Home Alabama kann, dann kann man auch die Doppelschläge mit der Basedrum. Bei KISS hat man "four on the floor" und das berühmte Sechzehntelfill auf vier Toms. Jeder Song hat neue Elemente die man lernen kann. Wenn man eine musikalische Basis hat funktioniert das sehr gut.

Jedenfalls dürfte ich auch einer der wenigen Schlagzeuger sein die einen Notenständer brauchen. Aber ohne kann man die Songs einfach nicht exakt nachspielen, die feinen Variationen der Patterns kann man sich praktisch nicht merken. Und dabei sind wir endlich beim Titelthema beziehungsweise dem Bild oben: Wir haben es hier mit U-Musik zu tun (auch wenn es diese Unterscheidung nur in Deutschland gibt) und dabei kommt es eben nicht so genau drauf an. Nur was sich Phil Rudd bei Highway to Hell zusammentrommelt ist je nach Standpunkt entweder Genie oder Wahnsinn. Heute werden die Songs ziemlich überproduziert, der Gesangspart wird mit AutoTune behandelt und der Schlagzeugpart wird quantisiert.

Hier (1979) ist das definitiv nicht der Fall. Ich bin darauf gekommen weil ich an der Stelle immer wieder aus dem Timing gefallen bin, also musste ich mir das genauer ansehen.

Eine ganz neue Technik ermöglicht es zusätzlich den fertigen Song nachträglich wieder aufzuteilen (ich habe Spleeter ausprobiert) und dann wird es sehr offensichtlich wenn man sich die isolierte Schlagzeugstimme ansieht. Ohne geht es zwar auch, aber bei einem guten Mix ist das Schlagzeug nicht so dominant dass man alles klar hören kann (Live habe ich da schon ganz anderes erlebt). Cool Edit hat das tolle Feature dass man sich die Timeline in Beats und Bars anzeigen lassen kann. Im Takt 33 endet der erste Chorus mit einem Break - und dann verschleppt Rudd das Tempo. Auf zwei Takte eine ganze Achtel. Die Technik legt das unbarmherzig offen dass die Schläge auf der HiHat einfach eine Spur zu spät kommen. Der Auftakt zur nächsten Strophe wird dann aber um eine Achtel vorgezogen und es geht im Ursprungstempo weiter, meine beste Näherung der Notation war das hier (diesen Schnipsel darf ich erlaubterweise zitieren):

Notation des Breaks

Minus der Tempoverschleppung. Jedenfalls stellt sich die Frage: Ist das jetzt nun Genie oder Wahnsinn? Zu den Sachen die mich wohl mein Leben lang verfolgen werden war jenes Gespräch mit dem Regionalkantor Christoph Schömig der meine damals komponierte Messe auseinandergenommen hat. Frei nach dem Prinzip: Wenn das ein Meister macht ist es genial, mache ich dasselbe ist es - wie war der Ausdruck? - platt und uninspiriert. Oder nach den Konventionen verboten. Wie auch immer. Ist das also jetzt genial weil es Phil Rudd so gespielt hat? Oder einfach falsch? Eine Quantisierung würde der Drumpart so jedenfalls nicht überleben. Genauso wie sich Herr Schömig eigentlich selbst disqualifiziert hat denn das von ihm am meisten als "platt" kritisierte Motiv war ein Zitat von Carl Jenkins ...

Mit der gesplitteten Drumspur hört man auch, dass Rudd bei dem Offbeat der Basedrum auf der 4+ auch alles andere als konsistent ist - mal spielt er ihn, mal nicht, ein Schema ergibt sich nicht wirklich. Na ja, ist halt Unterhaltungsmusik und Live spielt er sowieso noch ganz anders. Ich kann aber nicht anders, dass sind die langen Jahre der "klassischen" Musikausbildung wo alles was man nicht genau so spielt wie es notiert ist ein Fehler ist.

Was ich mich nur frage: Warum suche ich mir immer die unpraktischsten Instrumente aus? Schon das Klavier war schwer tragbar, die Kirchenorgel schon dreimal nicht ... so was wie Piccoloflöte wäre ja mal praktisch gewesen. Aber nein, es musste Schlagzeug sein. Das kann man zum Gig transportieren, das ist aber ziemlicher Aufwand. Auch wenn ich wohl nie eine Band finden werde die das Zeug spielt was ich mag.

Außerdem werden die Drummer wohl anscheinend genauso schief angesehen wie die Organisten. Über die Punkrocker heißt es ja dass sie musikalisch etwas beschränkt wären - aber für deren Drummer gilt das ganz sicher nicht. Bis ich das auch nur annähernd spielen kann (Basket Case von Green Day und All the Small Things von Blink182 wären auf meiner Liste) muss ich noch viel üben.

Ich denke im Moment nur darüber nach, das Schlagzeug etwas upzugraden. Ich hatte mir den Topseller bei thomann bestellt mit dem Hintergedanken: "Wenn es nichts ist, kannst Du das jederzeit wieder bei Ebay verscherbeln". Mit geringem Verlust wenn man sich sogar Fotos gemacht hat wie es Original in der Verpackung war. Das Teil ist nicht schlecht, aber zwei, drei Punkte hätte ich dann schon:

  • Den Rand der Tom als Trigger für Tamburin, Cowbell etc. zu nehmen funktioniert, ist aber etwas lästig (macht ein kräftiges tock)
  • es gibt keinen Unterschied zwischen einem Rim Shot und einem Rim Click auf der Snare Drum
  • die HiHat kennt nur auf und zu und nix dazwischen, genauso nur einen Sound, egal ob Kante oder Kuppe.
  • und für mein Fernziel - Nightwish - wäre es nett, ein paar Becken mehr zu haben

Elektronisch ist gut, dabei würde ich bleiben. Ich könnte mir zwar einen schallisolierten Übungsraum bauen, aber bei dem Aufwand und am Ende muss man doch mit Kopfhörern spielen sonst freut sich mein Tinnitus. Und es gibt elektronische die das alles können. Mal sehen. So wie es aussieht ist es keine Eintagsfliege. Vor allem bei Summer of '69 kommen Gefühle auf, das war der Paradesong einer Coverband aus dem Ort hier und die hat es geschafft, Headliner auf dem Altstadtfest in Trier zu werden bevor sie sich aufgelöst haben. Jedes Mal wenn ich live dabei war, wäre ich gerne mit auf der Bühne gewesen. Als Pianist / Keyboarder ist das alles etwas kompliziert und man hat auch nicht so viele Stücke mit markanten Keyboardparts. Aber jetzt als Schlagzeuger ... und ich kann den Song schon ...

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