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Falschheit, deine Farbe ist grün

Gerade spielt sich unter den Augen der Menschheit mal wieder ein Flüchtlingsdrama ab - und alle schauen zu. Nachdem die armenische Exklave in Berg-Karabach ihre Autonomie knapp 30 Jahre lang verteidigt hat sind jetzt nach einem der kürzesten Kriege der Geschichte (nach einem Tag war alles vorbei) 120.000 Menschen auf der Flucht. Und alle sehen zu, niemand unternimmt etwas.

Das wirklich schlimme an der Sache ist das, dass es in Deutschland Parteien gibt, denen die Menschenrechte und das Wohlergehen von Flüchtlingen ja sehr am Herzen liegt, die ja auch dafür gesorgt haben dass eigentlich ausreisepflichtige wegen "sozialer Härte" geduldet werden - und die in diesem Fall nichts unternehmen. Viel besser kann man ja "Kurzsichtigkeit" gar nicht definieren: wenn die Familie von Onkel Ali nebenan wegen eines abgelehnten Asylantrags eigentlich ausreisen müsste, man aber alle Hebel in Bewegung setzt damit er bleiben kann, weil er ja so gut integriert ist und so weiter. Weil er eben vor der Nase ist.

Und wenn es auf der anderen Seite Menschen gibt, die unsere Hilfe viel mehr benötigen würden - nach Deutschland kommt ja nur wer sich die Reise überhaupt leisten kann - die aber so weit weg sind und die man deswegen nicht sieht und deren Leid man ignoriert - kurzsichtiger und falscher kann man gar nicht sein.

Und es ist auch eine Warnung an alle, die glauben mit Russland eine starke Schutzmacht zu haben: die russische "Friedenstruppe" hat tatenlos zugesehen wie die Aserbaidschaner die armenischen Verteidiger überrannt haben. Schöne Schutzmacht, das wird eigentlich nur von der Feigheit der niederländischen Schutztruppe in Srebrenica getoppt.

Dabei gibt es gleich mehrere gute Gründe, die in der Vergangenheit immer wieder hervorgeholt und abgeleiert wurden die für eine Intervention unter deutscher Führung sprechen würden: im Fall von Antisemitismus und Verfolgung jüdischer Menschen wird ja immer die "historische Verantwortung" aufgrund des Holocaust zitiert. Nun ja, im Fall der Armenier gibt es das zufälligerweise auch - die Türkei hat während des ersten Weltkriegs ja auch einen Völkermord an den Armeniern verübt und Deutschland hat als deren Verbündeter tatenlos dabei zugesehen. Das könnte man sicherlich auch als historische Verantwortung den Armeniern gegenüber auslegen.

Vom Bund der Heimatvertriebenen hat man lange nichts mehr gehört - die hätten auch einen guten Grund ihre Stimme zu erheben um den Armeniern die gerade aus ihrer Heimat vertrieben werden (oder einer absehbaren Vertreibung und Schikane zuvorkommen) ein ähnliches Schicksal zu ersparen.

Es mag wohl etwas zu weit gehen, wenn am Tag nach der Niederlage der Armenier eine deutsche Fallschirmjägerdivision in Stepankert gelandet wäre um den Status Quo aufrechtzuerhalten bis eine diplomatische Lösung gefunden ist. Mal abgesehen davon dass die Bundeswehr dazu nie im Leben in der Lage wäre. Aber eine Eilentscheidung in irgendeinem multinationalen Gremium - sei es die EU, die NATO, die KSZE oder die UN (Russland wird da wohl kein Veto einlegen, aber das weiß man nie?) zur Entsendung einer Friedenstruppe herbeizuführen wäre ja das Mindeste gewesen.

Im Gegenteil kommt es den Beteiligten scheinbar gerade recht, dass die diplomatischen Mühlen so langsam mahlen dass der Drops schon lange gelutscht ist bis man sich auf irgendwas einigt. Schließlich braucht man Aserbaidschan als Gaslieferant und als Transitland für selbiges. Armenien hat leider nichts zu bieten.

Das ganze hat für mich interessante Symmetrien zu autistischen Persönlichkeitszügen auf persönlicher Ebene: Autisten neigen dazu, geradlinig zu sein, zu sagen was sie denken und haben ein Problem mit dem "normalen" menschlichen Verhalten, nett und höflich zu sein, viel Wert auf Floskeln zu legen (wehe man sagt nicht "guten Tag" oder "guten Morgen"), aber hinter dem Rücken der Person ganz anders zu denken und zu handeln. Die Frage sollte wirklich mal gestellt werden ob die Welt nicht besser dran wäre wenn man das Zeug über Bord werfen würde und einfach mal ehrlich wäre. Dann wüsste man zumindest wo man dran wäre. Oder noch besser: einfach mal konsequent zu den Werten zu stehen die man öffentlich vertritt und diese nicht selektiv vorzuschieben wenn es einem gerade in dem Kram passt und geflissentlich zu ignorieren wenn es profitabler ist.

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