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Seemannsgarn - und es lässt mir keine Ruhe

Am Dienstag lief auf ZDFInfo eine Dokumentation über die Kuba-Krise, speziell den Fall der sowjetischen U-Boote von denen die USA nicht wussten, dass diese nukleare Torpedos an Bord hatten. Es war wohl so, dass ein U-Boot-Kommandant, gejagt von einem amerikanischen Zerstörer diesen Torpedo einsetzen wollte, dabei aber nur von dem ebenfalls an Bord befindlichen Flottillenkommandanten daran gehindert wurde, was ansonsten den Dritten Weltkrieg ausgelöst hätte.

Das ist das erste Mal wo mir innerhalb einer Dokumentation einiges spanisch vorkommt und ich vermuten muss, dass die Wahrheit da ein wenig strapaziert worden ist. Passenderweise könnte man auch "Seemannsgarn" dazu sagen. Das ist zwar eigentlich etwas was in erster Linie mit INTPs assoziiert wird - logische Inkonsistenzen erkennen - aber in dem Punkt sind sich INTJs und INTPs ziemlich ähnlich weil beide die Funktionen des jeweils anderen spürbar einsetzen.

Wenn wir schon alleine den Punkt nehmen: Die Boote kreuzen in der Sargassosee bei Wassertemperaturen um die 30°C wofür sie nicht gebaut worden sind und es ist heiß im Boot. Soweit, so gut. Andererseits soll es im Boot 60°C und im Maschinenraum sogar 70°C heiß gewesen sein. Das Problem dabei ist: das kann nicht sein, so etwas überlebt ein Mensch einfach nicht. Ich bin jetzt kein Mediziner aber wenn man zum Beispiel die Serie über die Schatzsucher in Australien sieht dann sind dort die extremsten Bedingungen so um die 45°C bei feuchter Hitze und das nur mit sehr, sehr viel Flüssigkeitszufuhr. Danach heißt es nur: "Die Temperaturen beenden die Schürfsaison". Bei trockener Hitze wie im Death Valley gehen vielleicht noch ein paar Grad mehr, da wurde mal eine Story erzählt dass ein paar Männer eine Mauer gebaut haben und in Stunden dabei ein 60-Liter-Fass Wasser getrunken hätten. Dumm nur, dass in der U-Boot-Doku gesagt wurde, dass das Wasser auf ein Glas pro Tag rationiert gewesen sei. Dabei kann es sich wirklich nur noch um Seemannsgarn handeln, ein Mensch ist dann nach ein paar Stunden tot durch Überhitzung. Bei der Temperatur kann man ja schon sein Fleisch im Ofen Niedertemperaturgaren. Der zweite sehr fragwürdige Punkt ist der Einsatz des Nukleartorpedos. Man sollte dabei wissen, dass zumindest die USA und wohl auch die Sowjetunion ihre taktischen Nuklearwaffen im Einsatz gesehen haben wie konventionelle, nur eben mit mehr Bumms. Wenn man mal den Nimbus der Atombombe weglässt stimmt das sogar auch. Die wohl meisten Tests haben die USA mit 1kT-Sprengköpfen gemacht wie sie zum Beispiel auf den Nike Flugabwehrraketen eingesetzt wurden. Da wir hier in der Nähe eines ehemaligen Militärflughafens leben kann man das auch noch immer sehen: Die Basis war von einem Ring aus Flugabwehrstützpunkten umgeben und davon war wohl einer nuklear bestückt. Warum? Bei einem Bomberangriff reicht es nicht, den Bomber abzuschießen, wenn die Atomwaffen an Bord einen barometrischen Zünder haben können diese dann doch explodieren und wenn es sich um einen Multimegatonnen-Sprengkopf handelt dann haben wir einen Zerstörungsradius von 10-20 Kilometern. Der 1kT-Sprengkopf hingegen hat vielleicht hundert Meter, genug um die Bomben sicher zu zerstören aber wie die USA demonstriert haben kann man unter der Explosion stehen wenn diese in ein paar Kilometern Höhe stattfindet und man nimmt keinen direkten Schaden.

Genauso ist es mit den Nukleartorpedos: Weil die ja nur eine begrenzte Reichweite haben ist damit die Zerstörungskraft auch begrenzt, genannt wurden hier 20kT - wie Hiroshima oder der berühmte Baker-Test. Damals wurde im Bikini-Atoll eine ganze Flotte von ausrangierten Schiffen verankert, eine Bombe in der Lagune versenkt und gezündet. (Der Able-Test war ein Luftabwurf, der ging aber um ein paar hundert Meter daneben und die Schiffe nahmen nur sehr wenig Schaden). Auch beim Baker-Test kann man nicht von absoluter Zerstörung reden: Der Ponton unter dem die Bombe hing war natürlich nicht mehr da, und kleine Boote in der näheren Umgebung sind auch sofort gesunken, die größeren Schiffe wurden zwar beschädigt, schwammen danach aber noch und sind hauptsächlich deshalb gesunken weil wegen der hohen Strahlung die Lecks durch die Erschütterungen nicht abgedichtet werden konnten. Die Strahlung war übrigens deshalb so stark weil die radioaktiven Partikel vermischt mit Salzwasser auf die Schiffe kamen und dort zu einer Salzkruste eingetrocknet sind. Seitdem haben US-Schiffe eine Dekontaminationsanlage, mit der so etwas abgespült werden kann (nach Fukushima ist eine US-Flotte durch die Wolke gefahren die bekanntlich aufs Meer geweht worden ist und die waren über dieses Feature sehr froh). Militärequipment ist eben ganz anders als eine japanische Stadt: Menschen und Holzhäuser reagieren insbesondere auf die Wärmestrahlung ganz anders als massive Stahlkisten.

Der entscheidende Satz war oben im Text: ein paar hundert Meter. Wer immer mal auf dem Ozean war: Der ist groß. Wenn jetzt die Amerikaner U-Boot-Jagd betrieben haben und genau wussten wo das sowjetische Boot war, dann werden sie denen ganz sicher nicht den Gefallen gemacht haben die ganze Atlantikflotte in Schussweite zusammenzuziehen. Auf der anderen Seite war das U-Boot schon seit Stunden unter Wasser gedrückt und hat - wenn das stimmt - schon seit Tagen keine neuen Befehle aus Moskau bekommen. Anders als in Ballerspielen ist in der militärischen Realität das Problem das man im Normalfall keine Ahnung hat wo sich der Gegner überhaupt versteckt (an der Front) und was auf dem Schlachtfeld passiert (im Generalstab). Schon im ersten Weltkrieg waren die Schlachtfelder auf den ersten Blick menschenleer - kein Wunder wenn die Artillerie alles beschossen hat was sichtbar war. Und die Realität in einem U-Boot ist eben so: ist man unter Wasser weiß der Kapitän im besten Fall in welcher Richtung ungefähr der Zerstörer oben herumfährt wenn er nicht sogar direkt über einem ist um die Wasserbomben abzuwerfen. Von der restlichen Situation hat er überhaupt keine Ahnung. Worauf hätte er denn den Nukleartorpedo schießen sollen? Das einzige bekannte Ziel wäre der Zerstörer gewesen und das käme einem Selbstmord (oder ehrenwerten Untergang) gleich, denn der war ja bekanntlich direkt in der Nähe. Wen die Amis jetzt nicht vollkommen bescheuert sind waren die nächsten Schiffe zumindest ein paar Meilen weg. Was hätte Kennedy denn wohl gemacht wenn man ihm gesagt hätte, dass die Sowjets einen US-Zerstörer versenkt hätten? Ich glaube nicht, dass er den Einsatzbefehl für das SAC gegeben hätte wenn noch nicht einmal sicher ist dass der Gegner auf Befehl aus Moskau gehandelt hat. Schließlich hat er das ja auch nicht gemacht als man die U2 über Kuba abgeschossen hat. Die Amerikaner haben maximalen Druck ausgeübt und da war es klar, dass das zu Verlusten führen kann. Wenn man den Gegner provoziert und sich dieser verteidigt löst man aber keinen Armageddon aus. Und die Regel gilt auch in der Gegenrichtung: Die Admiralität in Moskau hätte davon ja auch nichts mitbekommen. Vielleicht hätte man die Explosion registriert, aber was da wie explodiert ist hätte man auch nicht gewusst. Nach ein paar Tagen merkt man dann, dass man ein U-Boot verloren hat weil es sich nicht mehr meldet. Auch das ist kein Grund für eine weitere Eskalation. So heiß war diese Situation wohl nicht wie es dargestellt wurde.

Anders war es mit den Raketen auf Kuba. Die Falken - unter ihnen der SAC-Chef Curtis LeMay - meinten ja, diese mit einem massiven Angriff zerstören zu können weil sie noch nicht einsatzbereit waren (oder anderenfalls man nur ein, zwei Städte verlieren würde). Die Raketen waren aber einsatzbereit und nuklear bestückt und wenn man als Kommandeur einer Raketenbatterie einem Großangriff gegenübersteht dann ist das eine ganz andere Situation, das ist ja wie Pearl Harbor. In diesem Fall muss man froh sein, dass die Kennedy-Brüder sich hier durchgesetzt haben.

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